10. Hollermaid

Tag 5, siebter September, Kazon

„Ihr verholten Goris! Das Geschrei eingestellt, den Deckel aufs Fass. Bringt die Arbeit zu Ende.“

„Aber Käppn Holler, Käppn. Mitten in der Nacht, Käppn, wenn es Ziegenhufe regnet?“

„Nenn mich Kapitän, du Stinkmaul.“ Kapitän Holler kniff die Augen zusammen, Wallung im Kom.

„Ack, Kapitän Holler.“

Holler? – Ah. Sein Name. Kapitän Holler betrachtete den Rest der Runde im vorderen Laderaum, versammelt um ein Fass Dünnbier unterm einzigen Glühfisch. „Ihr grindigen Ziegenhintern bewegt euch jetzt, sonst ist diese verholte Nacht eure letzte.“

Ein guter Kapitän hält leise die Befehlsgewalt.Schweig. Wenn er die Augen noch mehr zusammenkniff, sah er die Holmen nicht, aber so war das Hirnweh besser zu ertragen. Blind hangelte er sich an Deck.

„Mit Ausrüsten und so muss er sich ja auskennen“, höhnte unten das Stinkmaul.

„Er ist dein Kapitän. Tu, was er sagt.“ Der Bootsmann.

„Is ja gut, Menden“, das klang schon besser, „was muss er nur immer gleich schreien wie ein Desterkranker.“

Ein Chor der Zustimmung brauste bis zu ihm herauf, in drei Sätzen war er die Leiter runter, Gemaule galt es zu unterbinden, solange er noch fähig war dazu. Die Männer hatten Menden umringt, wandten sich um nach ihm.

„Das Fängerliebchen kann jederzeit ablegen“, sagte er, „die Hollermaid muss hinterher wie die Faust dem Orsen. Kriegt das klar, oder ich lass es euch ins Hirn tätowieren, ihr rudelkläffenden Köberschmoncks.“

Menden hatte zugehört, als trage sein Kapitän Verse vor, nun drehte er sich um sich selbst, funkelte einen Matrosen nach dem anderen an. „Sobald wir auf See sind, könnt ihr euch den Schlund vollgießen, bis er überläuft. Bis dahin gehorcht. Wem das nicht passt, der sagt’s mir jetzt.“ Sanfte Stimme, täuschender Wohlklang. Menden war ein Hübschgesicht, aber keine Schlappqualle, in seinem Rauschen lag Drohung.

Die Männer schauten belämmert, ihr Gemurmel klang nach Einverständnis. Der Druck in Hollers Kopf verkroch sich in einen entlegenen Bereich des Kom, fast zufrieden stieg er an Deck.

Innerhalb von zwei Stunden stand kein Proviant mehr auf der Pier. Zu schnell für gute Arbeit, vermutlich hatten sie das Zeug vorm bereits vorhandenen Frachtgut aufgetürmt, im Halbdunkel des Glühfischs.

Holler sah nicht nach, er hatte die Männer nach Kräften angefeuert und war nun froh, in der Kajüte sitzen und vor sich hinstarren zu können. Wenn er niemanden zum Anbrüllen hatte, ging es ihm so noch am besten.

Sein Bootsmann hatte Gründe, keine fachkundigen Stauer zu verdingen. Mendens Gründe, nicht seine. Menden sagte, selber stauen halte neugierige Augen von der Ladung fern.

Tat es das? Dies war nicht Hollers feste Mannschaft, er kannte sie kaum. Sein Kom bekam Risse, wenn er an den Verbleib seiner treuen Kom-Träger zu denken versuchte, und was, beim Leutholer, war das nun wieder für ein Rauschmuster?

Das Schiffs-Kom muckste sich nicht, Holler hatte nichts gesichert, er war ja an Bord. Ein Abgleich vom Kom zum Schiffs-Kom machte ihm bloß wieder Hirnweh. Er zählte nach.

Einer zuviel, ob dieser Mensch auf dem Großdeck nun durch Menden befugt war oder nicht, Holler stürzte aus der Kajüte, bezwang den Drang zur Stimmgewalt, sah den Mann an der Luke zum Laderaum knien und hineinspähen. Ließ alle Bedrückung in den rechten Fuß fließen, holte aus, der ungebetene Gast fuhr hoch und verschwand im Dunkel, dem Platschen nach stracks über die Bordwand.

Viel konnte der nicht gesehen haben. Holler lenkte den Schwung in eine Drehung, stoppte, sein Fuß knallte auf die Planken, schwer noch vom Unerlösten. Er gab keinen Laut von sich, was scherte ihn körperlicher Schmerz angesichts dessen, das in seinem Kom umging.

Hinkend steuerte er die Kajüte an, in der Kehle stak das Ungebrüllte. Ein beherzter Tritt, und alles wäre in diesen Kiekfisch gefahren, er selbst wäre …

Er selbst? Wer war das?

☆ ☆ ☆

Der Kiekfisch hatte sich gefragt, warum Kapitän Holler seinen Vormann hinauswarf, dann aber eine Mannschaft stauen ließ, die davon unzweifelhaft nichts verstand.

Stauen kann jeder, sowas glaubten nur Tölpfische. Was hatte er zu verbergen, dieser allzeit wutschnaubende Kapitän, den sie auf den umliegenden Piers hörten, ein wenig mehr Rhythmus, und sie hätten gut danach arbeiten können.

Als das Toben aufgehört hatte, war er brüllneugierig an Bord geschlichen, nun stand er tropfnass beim Vormann, ließ sich Omrak reichen und eine Decke, gab Auskunft über das wie von Droben gestürzte Frachtgut, das er erblickt hatte.

Oder erblickt zu haben glaubte, wie sollte er unterscheiden, was davon das Auge gesehen und was davon der Schrecken über den heranstürmenden Kapitän dazugedichtet.

Entgangen war ihm die Natur eines Teils dieses Frachtguts, aber das tat nichts zur Sache. Das Gerücht machte sich auf den Weg, brachte Kapitän Hollers Schiff als ‚Kollermaid’ in aller Munde.

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