6. Patrouille!

Tag 4, sechster September, Kazon

Spätschulen und Glühfische. Mittlander Rübenbauern. Drobenwelt und Leutholer. Hätte er doch die Kladde mitgenommen.

Sem sah sich um im großen Gastraum, nirgends lag Papier. Selbst wer schreiben konnte, gab sich nicht ab mit Notizen, Ringleute vergaßen nichts. Wer Wichtiges festhalten wollte, ging zum Schreiber, zum Erzähler, schickte ein Hafenkind. Für größere Aufträge kamen beide ins Haus.

„Und diese Typen in den Kapuzenkitteln?“, fragte er. „Immer paarweise unterwegs, alle paar Schritte hauen sie Stangen gegeneinander.“ Mit Ketten behängte Metallstangen.

„Das sind Verschriebene“, sagte Pitt.

Eine Art Hilfsarbeiter? Hart im Nehmen, das Geklirr ließ die Zähne schmerzen

„Sie mahnen“, meinte Dongus, „haben sich den Mälzern verpflichtet.“

Vorsicht, heikel. Religion. Laut Berrnek von Omsten feite der Drobenweltglaube gegen die Angst vor dem Tod, weshalb die Mälzer seit jeher viel Arbeit hatten mit ihren Landsleuten. „Die Mälzer beschützen euch vor der Jenseitigen Zeit?“

„Läutern wollen sie uns, auf dass wir hinfinden.“ Pitt winkte ab. „Sie sammeln Reichtümer, horten sie hinter Mauern. Findest ihre Bezirke in jedem größeren Hafen, dort brauen sie und treiben frag den Geier was.“

„Die Festhalle der Braukunst grenzt an einen Bezirk“, sagte Dongus. „Angeblich graben sich die Mälzer immer wieder zu ihren Archiven durch und stehlen Rezepte.“

„Als hätten sie das nötig.“ Der Wirt tippte an den freien Stuhl, Dongus und Pitt nickten, er ließ sich nieder. „Als Tines Erster für verschollen erklärt wurde, hat sie sich von ihnen einwickeln lassen, und Tine ist kein Dösfisch.“ Er erzählte von Tines ‚Anrufung für ungeläuterte Eheleute‘, so plastisch, Sem sah eine junge Tine vor sich und wusste, für dieses Ritual verlangten die Mälzer viele Ringmünzen.

Diese Geschichte spendierte der Hundwirt mal eben so, aber wenn Sem nach Kapitän Berrzak fragte, sollte er die Hörkammer mieten? Vielleicht eine Kostprobe des lokalen Humors.

„Ihren Anker musste sie einem Mälzermeister anvertrauen“, sagte der Hundwirt, „ihren Mann hat er ohne sie angerufen.“

„Das ist Hund, ich sags dir.“ - „Riecht eindeutig nach Hund.“ Die Gäste an der langen Theke tauschten sich aus, die Leute an den Tischen ringsum, jemand rief: „Viermal Hund zu den Hungrigen!“ Dann erreichte der Duft auch Sem.

‚Knurrhunde‘ hatte Sina die kleinen Frühkartoffeln genannt, die er samt Schale in der Pfanne briet. Aber es roch nicht nach Bratkartoffeln, und die Wirtin saß draußen. Bunten Hund gab es in jeder Kneipe, der Name des Gerichts hatte ihn bisher abgehalten vom Bestellen. „Esst ihr Hunde?“ Er versuchte, es wie einen Scherz klingen zu lassen.

„Freitags Fisch, mittwochs Hund.“ Sanfte Stimme, der Wirt.

Der nun wieder, aber er wirkte so überzeugend, Sem musste trocken schlucken. Niemand lachte, also doch kein Witz. Hatte darum eben der Hund so gejault? Der glich wahrlich mehr einer Kuh, aber-

„Bunter Hund ist ein Eintopf.“ Pitt, die Nase schnuppernd in der Luft.

„Diese klare Fischsuppe?“

„Das ist Armer Mann“, sagte der Wirt, „den zweigst du vor dem Hund ab und seihst ihn durch. Zum Rest tust du Teigstreifen und Gemüse von zweierlei Farbe und hast Bunten Hund. Am besten schmeckt er mit Paprika, und Mehl dazu.“

„Den Hund nicht zu vergessen“, warf Dongus ein.

„Den armen Hund.“ Pitt.

Die drei schauten Sem an, Miene ausdruckslos. Bis auf die leise Verwirrung, die hier jeden umspielte, der ihn anschaute. Vielleicht auch Verachtung, wirkte er hässlich auf Ringleute? Sina hatte ihn schön gefunden. Oder gelogen.

„Krattenmehl verdirbt schnell“, sagte der Wirt, „das mahlst du erst, wenn du es brauchst. Kein Geruch für Kneipenhunde, unserer heult schon, wenn Tine die Mühle vom Regal nimmt.“

Na dann. Hundefleisch würde man auch nicht mit Fisch mischen.

„Aber wer hat ihn gekocht, den armen, unschuldigen Hund?“ Pitt.

„Da war einer an der Theke“, sagte Dongus. „Der mit Mütze und Überzieher, dem die Messer runtergefallen sind. War das nicht der Koch vom Krugwirt, ist der jetzt bei euch?“

Der Wirt wandte den Blick von Dongus, schaute der mageren Gestalt entgegen, die mit einem Tablett nahte. Deckelartige Mütze, gestreifter Überzieher, schönes Gesicht.

„Mögacht.“ Der Koch setzte seine Last ab. „Ihr dürft als erste probieren, Tine hat drum gebeten.“ Reichte jedem eine Suppenschale, stellte eine kleine Schüssel Mehl in die Mitte, gelblichbraun und hübsch aufgekegelt. Empfahl sich.

Der Wirt füllte seinen Löffel, schwenkte ihn zum Abkühlen. „Der arme, liebe, unschuldige Hund.“

Das wird mir zu blöd. Sem probierte. Fisch. Mit Nudeln, gut gewürzt, und diese grünen und roten Streifen waren dann wohl Paprika. „Ich mag Hund", verkündete er, um der Fopperei Einhalt zu gebieten. "Euren auch. Wie heißt er?“

H’che. Du meinst den Kneipenhund, Sem von Außen. Pass gut auf, dann errätst du's.“

Hatte er wohl schon, aber er schwieg. Von Außen, darauf ritten ihm die Ringleute zu viel herum.

Pitt rührte sich Mehl in den Hund. „Fehlt nur noch Berrzak–“

Durchdringendes Schrillen. Eine Schiffspfeife.

„Patrouille!“, schrie jemand.

Pitt sprang auf, dann Dongus, sie kreischten.

Ringsum fielen Stühle, Leute hämmerten auf die Tische, schrien, sangen, brüllten, liefen durch den Gastraum. Rasselten zusammen, begannen Raufereien, Krüge krachten auf die Steinplatten. Einige Gäste rannten in den Hof, hinterher der Hundwirt. Sem sah nur ein Stück Mauer, lehnte sich zurück. Der Wirt half den Leuten beim Drüberklettern.

Durch den Eingang kam ein, kam noch ein, kamen drei, fünf Lockenköpfe mit Haarwuchs auf der Oberlippe, blieben stehen.

Stühle flogen, o Holion, wer warf so schwere Kloben. Einer donnerte gegen den Ofen, der blieb ganz, ein Tisch kippte um, ergoss, was er trug, Handtrommeln klangen auf.

Tine stürzte einen riesigen Topf auf die Theke, bearbeitete ihn mit Kochlöffeln, „Blau, blau, blau, es ist der Männertreu, mein Lieb!“, diese Frau nutzte ihr volles Stimmvolumen, ihr Gesang ritzte Glas vorm Dröhnen der Männer, der Trommeln, und wieder schrillte die Schiffspfeife.

Neben Tine der Zapfer, das Gesicht verkniffen vor Anstrengung, er drehte eine der Zapfsäulen in den Raum, schraubte am Hahn. Bekam ihn los, ein Strahl Omrak brach hervor, johlende Gäste sprangen hinein mit aufgerissenem Mund, drängten einander weg.

Irgendwo bellte Bunt, nie gehört, aber unverkennbar, auf der Kammertheke stand Hetten, sang „Im Fänger, tau ho!“, fuchtelte mit Fackeln, die er aus den Halterungen gerissen hatte.

Sem bemerkte, dass er mit erhobenem Löffel dasaß, schob ihn in den Mund, niemand kümmerte sich um ihn. Amüsierten die sich? Sah so aus, und am Eingang standen wie Publikum die Vaudekla.

Von denen tat jetzt einer etwas mit den Händen, Stille schwappte über den Tumult, die halbe Kneipe ging zu Boden. Im Hof tirilierte ein Vogel, in der Kammer klappte ein Nachzügler zusammen, riss einen letzten Stuhl mit.

„Vaudekla, immer effizient“, murmelte jemand neben ihm. Hetten, ruß- und wachsbefleckt. „Auch am Mannweffer.“

„Mannwerfer?“

„Passt auch. Heißt aber Mannweffer, dreht dein Rauschen um. Denkst du, oben ist unten. Obacht jetzt.“ Hetten schaute zu jemandem hinter ihm, zeigte die leeren Hände. „Harmloser alter Netzstricker.“

Kälte am Hals, Sem sprang auf, drehte sich um in derselben Bewegung. Ein Vaudekla zog die Hand zurück, schob sie ins Beinkleid.

„Er hat keins.“ Hetten feixte.

„Was war das?“ Metall. Ein Messer?

„Wer bist du?“ Beim Sprechen federten die langen Bartlöckchen des Vaudekla, die mussten doch stören beim Essen. Sein Haar reichte bis über die Schultern, auf dem Oberkopf stand es wie aufgefächert.

„Sem. Von Außen, wie ihr hier sagt.“

„Wer hätts gedacht. Kennziffer, beide.“

Tiefer Atemzug, Hetten füllte die Lungen, ratterte dem Vaudekla eine Zahlenfolge entgegen. Der nickte.

Sem zog seinen Fremdenschein aus der Hemdtasche, übergab ihn. Den hatte der Ka für ihn beantragt, der Kapitän des Zwergenfrachters, und durch einen Boten aushändigen lassen. Ohne Fremdenschein hätte Sem nicht von Bord gehen dürfen.

Der Vaudekla faltete ihn auf, war kurz abwesend. Nickte wieder, legte das Papier zusammen, akkurat so wie vorher, gab es zurück. „Warum bist du hier?“

„Ich bereise die Inseln.“

Rechts, links, rechts, ein langsames Kopfschütteln mit sachte wehendem Schnauzbart. „Du hast einen Grund.“

Pitt und Dongus hatten ihm kein Wort geglaubt, Sem verzichtete auf eine Erklärung, rieb sich den Hals. „Was war das?“ Eine Waffe, flink verstaut in der Hosentasche.

Keine Antwort, der Vaudekla betrachtete ihn von oben bis unten, legte den Kopf schief, sah um ihn herum, gründlich und zugleich geistesabwesend.

Was sollte das werden? In Sems Brustkorb ein Beben, er wusste nicht, wurde er wütend oder bekam er einen Lachkoller.

Die Aufmerksamkeit des Vaudekla kehrte zurück. „Wir kennen dich. Mögacht.“ Er ging zu einem Ringmann, der benommen dasaß.

Das Beben zerfloss zu Ratlosigkeit. „Was war das?“ Bald wuchs ihm ein Schnabel, dann konnten sie ihn Lora rufen und auf eine Stange setzen.

„Hat geglaubt, du kannst dein Rauschen verbergen. Hat geprüft, ob er dich kriegt, wenn er nahe genug rankommt mit dem Mannweffer.“

Der ominöse Mannweffer. „Der Mann sieht aus wie ein verhunzter Pudel. Wieso kennt er mich plötzlich?“

„Nicht nur er. Das ist der Meister von dieser Patrouille, übers Kom hat er deine liebliche Erscheinung an die Türme vermittelt. Was meinst du mit ‚Pudel‘?“

An die Türme …? Dem hiesigen Humor kam Sem nicht bei. „Eine Hunderasse, mit Hängeohren und Löckchen. Pudelfell ist sehr dicht, kannst du Formen hineinscheren. Beinpuschel, Krönchen und so.“

„Heck heck heck.“ Hetten zog Pitts Löffel aus der Masse. „Mehlsteif, so mag ich ihn.“ Begann zu essen.

Der hatte Nerven. „Warum bist du nicht umgefallen?“

„Starkes Rauschen. Bin aber angeschlagen. Muss essen. Mh. Guter Koch.“

„Ist der auch ein Vaudekla? In schön?“

Hetten gluckste, schluckte, winkte ab. „Es gibt Vaudekla, die können nicht in die Türme gehen. Keine Kom-Begabung, sie rauschen zu schwach. Macht der hier auch, aber er hat keinen Bartwuchs, und, was wetten, auch kein Krönchen unterm Deckel.“ Hetten wies mit Pitts Löffel zur Hoftür. „Er ist mit den anderen geflohen, durch Tines Kräutergarten. Da gibt’s eine Pforte zur Obstwiese.“

Der Vaudekla-Meister näherte sich einer krauchenden Gestalt, sprach sie an, half ihr auf. Seine Begleiter standen noch immer neben dem Eingang. „Was macht er?“, fragte Sem.

„Ist auf Patrouille. Sucht Ausgerüstete, Kom-Werker ohne Lizenz, freie Kapitäne, die ihre Jahressteuer nicht bezahlt haben. Was du willst.“

„Und der Aufstand hier?“

„Beim Leutholer! Wenn du so weiterfragst, bin ich bald so löchrig wie das Segel vom faulen Gori. Der Lärm stört die Mannweffer, aber das ist vielleicht nur ein Aberglaube und wir machen Rabatz aus Traditionsbewusstsein. Jetzt lass mich essen.“ Hetten griff sich den nächsten Hund.

Die Patrouille führte zwei Ringleute ab, ordentlich schloss der letzte Lockenkopf die Tür hinter sich. Gäste sammelten Krüge ein, stellten das Mobiliar auf, kümmerten sich um die noch lagen. Tine hielt sich den Kopf, der Wirt dem Zapfer eine Rede. Klebrige Gäste sprangen dem jungen Mann bei, zogen die Münzbeutel. Duft voraus, der Koch erschien, alles schrie nach Hund.

„Brauchst du das noch?“ Hettens Hand an seiner Schale.

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