3. Schwamm drüber

Tag 1 bis 2, dritter bis vierter September, Kazon

Der Smut verbrachte Kimraks Ende in der Küche des Krugwirts, danach ertränkte er im Festbier, was ihn plagte. Sein Kummer reichte tief, er musste trinken bis Sonnenaufgang und war den größeren Teil von Berrgarstag außer Gefecht.

Abends zu Schichtantritt empfing ihn die Krugwirtin mit Klagen im Rauschen, fasste sie ungebeten in Worte. „Was machst du für ein Gesicht, dir geht es doch gut, du kannst in der Küche bleiben. Ich muss raus und mit den Gästen lachen, auch wenn mir elend ist. Nie tröstet mich einer von euch hartherzigen Männern, und du, was kommst du so spät.“ Beim Reden machte sie unnötig Lärm.

Der Smut hatte sich sorgfältig die Hände gewaschen, nahm ein frisches Tuch, trocknete jeden Finger einzeln ab. Faltete den Stoff, klemmte ihn sich hinter den Gürtel. Und schwieg.

Das Klappern und Klirren wurde so laut, dass der Krugwirt kurz die Nase zeigte.

„Dein Mann hat mir den Tag über freigegeben“, sagte der Smut.

„Ah bah, frei! Du hast in deiner Kammer gelegen, da kannst du auch helfen. Wir haben Erntezeit, ich stehe hier von morgens an und muss schuften, dass mir das Blut unter den Fingernägeln hervorquillt.“

Leere im Lager seines Mitgefühls, den Vorrat hatte diese Frau aufgebraucht in den wenigen Wochen, die er in ihrer Küche waltete.

„Dauert dich das denn kein Stück? Hast du kein Herz für ein geplagtes Weib? Mach nur so weiter. Dann findest du mich morgens tot auf dem Boden liegen, dann musst du alles alleine machen.“

Mit ihrem "muss" und anderen Sperenzchen plagte ihn die Krugwirtin Tag für Tag, sie bot nicht mal eine hübsche Tochter zum Ausgleich, hatte immerhin Kartoffeln aus dem Keller geholt und sogar geschält, wenn auch nicht geschnitten.

Das war gut, sie wollte Würfel, er Scheiben, Faulheit, wenn es nach ihr ging. Doch die Gäste liebten seine Scheiben, die er anbriet, bis sie knusperten beim Abbeißen, und wenn er die Küche sauber hatte, meist gegen Mitternacht, fiel die Krugwirtin her über den Rest.

„Oder mein Mann wirft dich hinaus, ich muss nur was sagen. Dann weißt du nicht, wohin, du kennst hier keinen Menschen.“

Er nahm die große Pfanne vom Haken, stellte sie auf den Herd, sah sich um, wo sie diesmal das Schmalz versteckt hatte.

Gar nicht, er machte sich ans Werk. Bald schmurgelten Bratkartoffeln, roter Speck und Zwiebeln, er freute sich am Duft, die Krugwirtin wurde in den Gastraum gerufen. Sie war nicht jung, aber hübsch, mit runden Brüsten, die nicht hinterm Stoff bleiben wollten. Beim Singen ließ sie ihr Fleisch wogen und klang recht angenehm, der Krugwirt wusste das zu nutzen. Manchmal hieß er sie tanzen.

Der Smut drehte das Gas klein, vertrieb das Mitgefühl, das nun doch aus einem Winkel lugte. Kein Erbarmen, die Krugwirtin gab ein würdiges Ziel ab für seine Falle, an der er seit Tagen heimlich tüftelte. Nun hatte er Zeit, das zuende zu bringen. Er angelte das Zubehör vom Brett, das er unter dem Spülstein eingeklemmt hatte, verfügte sich ins Waschhaus.

Das Einrichten der Falle im Wäscheschrank klappte wunderbar, bis auf den Krugwirt, der auf einmal neben ihm stand, wortlos auf das Messer zeigte. Der Schriftzug im Griff war nicht zu übersehen.

„Das ist meins“, sagte der Smut. Spürte den Hohn des Krugwirts, langte um ihn herum, verriegelte die Waschhaustür von innen. Löste das Küchenmesser aus dem Konstrukt. Richtete es auf ihn. „Du hörst mir jetzt zu.“

Der Krugwirt zeigte weder Angst, noch machte er Anstalten, auf ihn loszugehen.

„Deine Wirtin“, sagte der Smut, „hat hier ein Libbster-Depot. Draußen tut sie schön, ich bin bloß nichts und Koch. Bei mir lässt sie sich gehen.“

„Was hat es mit dem Messer auf sich?“, fragte der Krugwirt.

Der lief ihm nicht weg, zu neugierig. Der Smut ließ das Streitobjekt sinken, machte sich ans Fertigstellen der Falle. „Nachts karriolt deine Wirtin durch die Küche wie eine Katze bei Flötenspiel, bringt durcheinander, was ich aufgeräumt, lässt Töpfe einbrennen. Morgens gibt sie mir die Schuld, kürzt meinen Lohn. Abends tuts ihr manchmal leid, dann schenkt sie mir alte Messer.“

„Auch dieses hier?“

„Sehr wohl.“ Der Smut drückte die Klappe an der Seite des Wäscheschranks zu, ihre Fugen verschmolzen mit dem Muster der Intarsien. „Schau her, wenn sie um Nachschub kommt ...“

Über der Klappe saß eine Reihe Kleiderhaken, durch gleichzeitiges Drücken und Drehen des mittleren löste sich die Verriegelung. Beherzt zog er die Klappe auf, Zack! fuhr das innen angebrachte Messer in den Schranksockel. Der Griff fiel ab, klackerte über die Steinfliesen, im Schrankfach schimmerten rot und grün die Flaschen.

Die Sorte mit dem alten Schiff auf den Etiketten, der Smut schaute darauf nieder, geriet wie immer in Verwirrung. Er wusste, wo auf diesem gemalten Pott die Bordküche lag, und wie sie von innen aussah.

„Was sind das für Geschichten?“ Des Krugwirts Hand legte sich auf seine Schulter, so schwer, als versuche der Wirt einen einhändigen Klimmzug. „Ich will dir nicht vorhalten, was wir für dich getan. Schwamm drüber, doch es steht dir nicht an, mir in die Wirtschaft zu reden. Meine Frau schlägt gern über die Stränge, das ist meine Sache. Die Küche ist ihr Bereich, du wirst ihr wohl Anlass geben, wenn sie dich ausschimpfen muss.“ Der Krugwirt musterte ihn, Miene undeutbar.

Der Smut hielt Blick und Hand stand, wusste nichts zu sagen. Sein Retter und Lohnherr war teilweise, nun gut, wohl doch so ziemlich im Recht.

„Mein Gewerbe hält mich auf Trab“, sagte der Krugwirt, „da brauch ich nicht noch Ärger mit dem Koch. Du bist wieder auf dem Damm, ich weiß recht gut, womit du dich in deiner Kammer tröstest. In den nächsten Tagen suchst du dir einen anderen Wirt.“ Er riegelte auf, schob ihn hinaus.

Benommen, aber nicht unfroh stand der Smut im Hof, Töne wehten vorbei.

„Was blühet da so blau? / Es ist der Männertreu, mein Lieb.“ Schnulze, die Wirtin, jetzt wurde sie anhänglich.

Das war besser geworden. Anfangs hatte sie ihm mit dem Kochlöffel die Mütze runtergewitscht, ‚Oh, dein schönes Haar‘ geschmachtet. Davon sah sie ab, seit er beim Schneiden von Fleisch und Gemüse mit Kampfruf auch aufdringliche Fliegen zerteilte. Im Flug.

Zurück an den Herd, er tat den ersten Schritt, hinter ihm ein Knirschen. Der Riegel der Waschhaustür. Der Abort lag gegenüber, was …? Der Smut suchte sich einen Spalt, lugte ins Dämmer.

Der Krugwirt hatte Klappe, Griff und Messer wieder zusammengebracht. Drücken, Drehen, Ziehen, Zack! Herrliche Falle.

Auch dem Krugwirt gefiel sie, japsend vor Lachen zog er die Klinge aus dem Sockel. „Dir werd’ ich’s zeigen, du herzloses Weib. Mein Hochzeitsmesser wegzugeben.“

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