1. Wie die Hundsbraut

Tag 1, dritter September, Norrfesch

Rauschmuster und Nachrichten, Berrzaks Kom hallte wider davon. Was für ein Betrieb so spät am Abend in diesem Hafenamt mit seinen schön gemaserten Holzbänken, er könnte sich auf einer-

Der Namen seiner Route fiel, er hielt auf die beiden Männer zu, schob sich ins Gespräch. „Mögacht. Passage nach Klein Waal?“

Der eine musterte ihn, verneinte mit einer Kopfbewegung. Der andere erzeugte in der Kehle höhnische Geräusche.

Jemand drängte sich neben Berrzak. „Hör zu“, seine Stime ein Raunen, „ich suche einen Lotsen. Schaffst du eine Stunde im Fänger?“

Berrzak wandte sich ab, half der Selbstbeherrschung mit Würde aus und hielt auf den Ausgang zu. Bloß nicht aufregen.

„Ich zahle gut.“ Der Rauner, lauter jetzt, Verlockung in der Stimme wie ein Mälzer.

„Spar dir die Mühe“, das klang nach dem Hohnlacher, „der Knurrpfau hat das Kom kaputt, der taugt nicht für-“ Das Weitere verging im Stimmengewirr.

Niemand zu spüren draußen, Berrzak gab der Tür Schwung, dass sie anschlug, nahm die Treppe in zwei Sprüngen und ließ sich vom Zorn Richtung Uferpromenade tragen. Unklug, diese Flachseeschiffer über die nächste Pier zu schicken, womöglich gelang es ihm nicht. Wozu auch, er verstand ihre Verachtung. Zurecht befremdet hielten sie seine Beschädigung für die Pfuscherei eines lizenzlosen Kom-Werkers.

Gewimmel um ihn herum, Gier und Gerüche, das rasche Gehen mäßigte seinen Unmut. Die Leute spürten ihn und gafften, schwiegen und wichen aus. Als er stehenblieb, blies ihm der Wind das Haar über die Schultern nach vorn, den Hut hatte er im Hafenamt zurückgelassen. Niemand würde sich daran vergreifen.

Dicht am Horizont die letzte Ahnung der Septembersonne, wer Kurs darauf nahm, erreichte nach siebenhundert Meilen die Insel Zwergentor. Noch vor der halben Strecke lag backbords Kazon, wo seine feste Mannschaft ihn zu Kimraks Ende erwartete. Achtzehn Stunden Fahrt und kein Fänger auf der Route, keine anspruchsvolle Strecke.

Wenn einer ein Schiff besaß. Auf der Anreise von Oosland war ihm die Dragendöter unter dem Hintern weggeschossen worden, nach Ausfall seiner Fähigkeiten als Kom-Kapitän. Jetzt bettelte er um eine Passage wie die Hundsbraut um die Hochzeit, im Hafen von Norrfesch Stadt wurde er nicht mehr erkannt.

Im Westen erlosch wie sein Ruhm das Glühen, er wandte sich ab. Schaffst du eine Stunde im Fänger. Morgen konnte er mit DennDīnn darüber lachen, hier und jetzt musste er seinen Stolz niederkämpfen.

Auf den Stufen des Amtsgebäudes warf er einen Blick zum Giebel, erhielt einen zurück, tat der widerstrebenden Tür Bescheid. Drinnen beobachtete er das Kommen und Gehen, mal an diese, mal an jene Wand gelehnt. Wie schon den ganzen Tag, geschwächt wie er war, machte es ihn mächtig müde, aber hinsetzen kam nicht in Frage. Aufrecht fährt und stirbt der Kapitän.

Die meisten Leute kamen zum Klönen her, die auf Fahrt gingen, hatten andere Ziele als Klein Waal. Misstrauisch wegen seines Kapitäns-Kom, dessen Zustand und seiner Kleidung blieben sie kurz angebunden bis an die Grenze der Höflichkeit.

Berrzaks Miene, finster seit Jahrzehnten, bewegte sich Richtung Sturmtief und rastete ein. Da ließ sich heute kein Lächeln hineinbiegen. Ein ehrbarer Kapitän kleidete sich nun mal nicht in pfauenfarbenes Prunkzeug, und zum Aushandeln einer Überfahrt schickte er ein Hafenkind, statt selbst auf dem Amt herumzulungern.

„Dieseit! Bist du deine eigene Galionsfigur?“

Der Zorn entflammte wieder, richtete ihn auf zu voller Größe, aber merkwürdig langsam, wie unter Last. Hafenmeister, Seeleute und anderes Volk sahen her.

Der Alte, der ihn angerufen hatte, zog den Kopf ein zwischen breiten Schultern, begann hektisch zu zwinkern und entbot mit Verspätung das Mögacht. Nannte im selben Atemzug einen vernünftigen Fahrpreis und bestimmte die Stunde vor Sonnenaufgang zur Abreise. Ohne Fragen zu stellen. „Hab’ munkeln hören, da sei ein Kapitän in Not. War selber mal schlecht dran.“ Zwinker, zwinker. Ein Kauz, Angst hatte der nicht.

Berrzak nickte, spürte die allgemeine Aufmerksamkeit vergehen, als er gelassen die Fahrt klarmachte, sich Ringmünzen lieh und einen Schuldschein unterzeichnete. Nicht mal sein Mangel an Gepäck störte den Alten.

Diesmal verschonte er die Tür, verließ das Amt in so friedlicher Stimmung, wie es ihm gegeben war. Dunkler als die Nacht hob Krah vom Dach ab, folgte ihm in die von Leuchtern schwach erhellte Gasse.

Essen, Schlafen, dann ging es nach Fischnetz auf Klein Waal, mit einer Verspätung von – Kummer um seine Rennyacht flutete in die Berechnung der Wochen, er lenkte sich ab mit ihrem Namen. Dragendöter, altertümlich für ‚Drachentöter‘. Seedrachen lebten in Fängern und setzten Schiffe in Brand, sie galten als Fabeltiere, nur abergläubische Seeleute glaubten noch an die Legende. Also alle. Berrzak der Dragendöter, das hatte einen Klang.

Gehabt, doch auf Klein Waal erwartete ihn ein anderes Schiff, alt, gekauft in seinem Auftrag von Freund DennDīnn und seinen Leuten, und dem überlieferten Äußeren der Huldelund angepasst. Vielleicht konnte er sich damit anfreunden, gesehen hatte er es noch nicht.

Der Nachricht, es liege fahrbereit im Fischnetzer Hafen, hatte der Name des Absenders gefehlt. Außerdem das abschließende Tau ho! und das Geplauder, eine Neigung, die DennDīnn nur im Schriftverkehr zeigte.

Seltsam, aber wer sonst sollte ihn zu diesem Schiff beordern. Es hieß Meine Neunte, das warf Fragen auf. Mit sowas ging er nicht auf Fahrt. Wie es benennen, ‚Dragendöter II‘ taugte nun so wenig wie ‚Huldelund II‘. Beide gesunken, böses Omen.

Was Temme auf ‚Huldelund‘ gebracht hatte, verrieten seine Aufzeichnungen nicht, ‚Hulde‘ konnte Mann wie Frau gewesen sein, ‚Lund‘ hatte jede Bedeutung verloren. Kleine Jungs snickerten in der Schule darüber, die Mädchen später.

Kam ein Tugendbold, ward der Hulde hold, fand sie lieb und rund, ragte ihm - der Lund störte Berrzaks Denken, das ihm überhaupt recht schwer fiel seit dem Schiffbruch. Auf den Namen des Schatzsuchers kam es nicht an, der musste nicht ähnlich klingen.

Berrzak behauptete seit zwei Jahren, er könne Temmes Höhlen finden mit einem Schiff von der Bauart der Huldelund. Damit erntete er Gelächter, schuf seiner Mannschaft Anreiz, ihm zu helfen, verhüllte, was ihn antrieb. Das hielt er aus seinen Gedanken.

Kaum wahrscheinlich, dass jemand dahinterkam, aber wie sagte Dingdong: Umsicht bewahrt die Hopfendolde. Lügen warfen Muster ins Rauschen, da half nur, die Gedanken umzulenken, selbst an einen Schatz zu glauben, überzeugende Vorbereitungen zu treffen.

Morgen würde die Meine Neunte ihre neue Kennung und welchen Namen auch immer erhalten, dann ging es mit DennDīnn nach Kazon. — Eh?

„Was zierst du dich, Kapitän. Bist mir in die Arme gesteuert.“ Eine Hafenschöne, sie schien zehn Hände zu haben.

Offensichtlich war er dermaßen schlecht beisammen, dass er wie ein Jungkapitän durch sein Kom lavierte …

„Hast du Angst vorm Bimms? Bist bei Janna gut aufgehoben. Fünf Mädchen laufen für mich, alle gesund.“

… und Leute über den Haufen rannte. Eine Hafenschöne freilich …

„Hmm, du schöner stummer Mann. Was haben wir denn da?“

… legte das anders aus. Verholtes Beinkleid, er packte Janna, sie umrankte ihn wie ein Krake, als er sie in den nächsten Hauseingang bugsierte. Wo er die Rückseite ihres erfreulichen Oberteils untersuchte, die Riemen überdehnte, am Türgriff festhakte und Land gewann, verfolgt von Jannas Stimme, grell vorm Snickern der Konkurrenz.

Häuserweit scheiterte er daran, die Hose zu bändigen, endlich nahte das Gasthaus. Der Lärm seiner Mietmannschaft drang durch den Torbogen bis in die Gasse, die Rauschmuster der Männer zeugten vom Nachholbedarf. Ihr erster Omrak seit Tagen, sie hatten einen Erzähler da, der machte sie gruseln mit den Pflichten des schönen Zorrgan.

Das Dringlichste zuerst, er bat den erstaunten Wirt um ein Stück Leine. Dann winkte er den Zahlmeister in einen Nebenraum, dankte ihm und übergab das Heuergeld.

Der Mann schwankte nur körperlich. Fest wie die Trotzbrüder in der Bucht vor Rabazon stand sein Entschluss, nicht mehr für Berrzak zu fahren.

Verständlich. Auf dieser Fahrt waren Schiff und Kapitän in Trümmer gegangen, niemand hatte sich drum geschert. Keine Patrouille der Vaudekla war angerauscht, keine Order erteilt worden.

Statt einer Befragung hatte es ‚Vergnügungen‘ gegeben, auf einer Luxusyacht ohne Omrak, unerhört, und morgen begannen mit Kimraks Ende die Zweierlei Jahrestage. Diese Männer machten rein Schiff im Kopf, spülten das Unfassbare weg.

Sein Abendessen orderte er aufs Zimmer, fernab von ihren Gesängen. Ihm klang noch der Spott der Norrfescher im Ohr, die im Hafenamt seinen Gönner aufs Korn genommen hatten. ‚Du lässt den Knurrpfau an Bord? Bist du vom Nück gezwickt?‘‚Dem sein Schuldschein wird was wert sein.‘ - ‚Ein Yachtmann, Weiber mögen sowas, soll er eins ködern?‘ Eine trunkene Bemerkung im Gastraum, und der Knurrpfau würde sich doch noch aufregen.

Ein Hausknecht leuchtete ihm zu seiner Bleibe, sie wurde ausschließlich an Kapitäne vergeben. An der Längswand hing eine schöne Winkelholz-Kopie, vorm Bett lag ein Läufer aus Schafwolle, der Tisch war am Boden festgeschraubt. Holzdielen schimmerten im Licht des Glühfischs, Omrakkrüge auf einem Bord mit Reling.

Alles brummte vor Wärme, das Feuer im Ofen musste seit Stunden brennen, aufmerksame Wirtschaft. Trotzdem probierte er die Pforte in einer Nische, fand ein Podest mit Außenstiege zum Hof. Vielleicht half ihm die Dunkelheit, den Kopf klarzukriegen.

Krah landete auf einem der Geländerpfosten, Berrzak strich sein Haar beiseite, grübelte über die Echtheit von DennDīnns Nachricht. Das Grübeln brachte ihn nicht weiter, doch er konnte nicht aufhören damit. Krah flatterte auf seine Schulter, schob den Schnabel zwischen die Zotteln, ein Frösteln durchlief Berrzak. Das kam wohl vom Flügelschlag.

Der Wirt persönlich rief ihn herein, verteilte auf dem Tisch, was ihm Küchenleute vom Gang aus anreichten. Bevor er ging, überreichte er Berrzak einen Ledergürtel. „Wenn er dir gefällt, setze ich ihn auf die Rechnung. Meine Gäste tragen keinen Strick um die Mitte.“

Noch im Niedersetzen nahm Berrzak die Haube von der Terrine und den ersten Löffel Bunter Hund. Grunzte zufrieden. Betrachtete die mit Kerzen bestückten Wärmegestelle, lauschte dem Geschmurgel unter den Deckeln. Ganz da hinten, halbrechts vom Kurs, konnten das Honigschnitten sein?

Nicht nachsehen, hinessen, er rupfte ein handliches Stück vom Brot. Der Hund schmeckte wie bei Freund Simmen, der kochte und sang dazu, damit war es vorbei. Simmen hatte sich kapern lassen von seiner Hundsbraut.

Tag 2, vierter September, Klein Waal

Der alte Kapitän fuhr für einen Verband von Hopfenbauern, sein Patent galt nur innerhalb der Nordöstlichen. Einen Fänger von innen hatte er nie gesehen. „Ich bins zufrieden. Wozu sich das Hirn verbiegen?“ Er zwinkerte, meldete Berrzak an beim Schiffs-Kom, dann seine Mannschaft.

Der Alte scherte sich wenig um Jahrestage und schrie nicht gleich nach den Vaudekla angesichts eines gestrandeten Berufungsgenossen. Erkundigt hatte er sich natürlich, ebenso der Hafenwart. Berrzaks Kom hatte das erfasst, es ging also aufwärts damit, auch wenn es sich noch immer anfühlte wie frisch erworben.

Das Schiff legte ab, der Kapitän würde vorerst kein Wort mehr tun, beschäftigt mit den Kurskorrekturen. Er erinnerte Berrzak entfernt an Jorrgen, Dingdongs Altpap, und er hielt sich eine Krähe, Brauch der Kapitäne vor Erfindung des Kom.

Krah scherte sich nicht um den Artgenossen, er suchte das Alleinsein, seit die Luxusyacht sie aufgefischt, tagelang verlustiert und endlich auf Norrfesch abgesetzt hatte.

Der Jakob des Alten fiel gelegentlich wie ein Stein von der Reling und kam nicht wieder. Wenn sich Berrzak dann nach ihm umtat, saß er still woanders, schaute zu aus blankem Auge. Ein Krähenwitz.

Am späten Abend legte das Schiff in Fischnetz an. Berrzak ging von Bord wie ein entlassener Galeerensträfling, in fremder Kleidung, die Börse geborgt.

Als Amtsstube diente dem Fischnetzer Hafenmeister ein Raum seines Wohnhauses, er schlief längst. Statt im Dunkeln die Liegeplätze nach der Meine Neunte abzusuchen, bezog Berrzak eine Bleibe. Jedes Dorf mit ausreichend Strand für drei Kanus gönnte sich eine Hafenkneipe namens Zum bunten Hund, mit Kapitänszimmer und Kneipenhund.

Letztere hatten in alter Zeit die Schiffsfreiheit bewacht, während die Besatzung beim Besitzer zechte, der hiesige döste neben dem Eingang. Stille allenthalben, der Wirt brachte ihn selbst aufs Zimmer und zog sich sofort zurück. Begegnet waren sie niemandem.

Das Blau der Jacke schmerzte in den Augen, Berrzak warf sie über den Stuhl neben dem Bett, fühlte sich erschöpft von nichts. Seine Gedanken gingen wie kabbelige See, mit dem Lund als Boje.

Statt sich hinzulegen, setzte er sich aufs Kopfkissen und lehnte sich an die Wand, damit er nicht einschlief. Suchte nach DennDīnn. Leute finden über ihr Rauschen, konnte er das? Einen bestürzenden Augenblick lang war er sich nicht sicher. Brachte die Aufmerksamkeit zusammen zum Herausfiltern einzelner Muster, nahm den Wirt wahr, mehrere Hafenkinder im Lager desselben, niemanden im weiteren Umkreis.

Kein feierndes Volk. In einer Hafenkneipe, an Kimraks Ende?

Kurze Erholung, zweiter Versuch. Diesmal spürte er nur die Hafenkinder. Wenn DennDīnn ihm einen dieser Burschen mit Anweisungen geschickt hatte, wieso lungerte der dann im Keller herum? Hafenkinder richteten zuverlässig aus, was ihnen aufgetragen war, ein Ruf, den sie blankhielten für eigene Zwecke.

Irgendwas stimmte hier nicht. Pitt, Dingdong und Simmen steckten wohl kaum hinter dem Ruf nach Fischnetz, sie wären längst ins Zimmer gepoltert, guter Dinge und mit einem Fass – halt, Simmen hätte sich den Spaß wohl verbieten lassen. Nichts gegen eine Hundsbraut, zur arm für die Heiratsgebühr, aber Simmen … Denkt mit dem Lund.

Bleischwere Lider, Flaute im Hirn. Er streckte sich aus und legte das Kom daneben, das Hafenkind würde ihn wachklopfen.

★ ★ ★

Statt mit seiner Mannschaft den Kazondger Hundwirt auf Trab zu halten, hatte Kom-Kapitän Berrzak trotz des Jahrestags eine ruhige Nacht. Nicht nur, weil er das Kom ‚danebengelegt‘ hatte, eine Dämpfung, die ihm Schlaf ermöglichte. Nicht nur, weil kein Hafenkind kam.

Die Leute von Fischnetz waren schon vor langer Zeit übereingekommen, die Zweierlei Jahrestage gerecht auf die beiden Dorfkneipen zu verteilen. Der Bunte Hund öffnete erst zum ruhigeren Berrgarstag wieder, Kimraks Ende feierten sie dieses Jahr im Verlorenen Paddel.

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